Mathias, 56: „Ich habe meine Beerdigung schon geplant“

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Zu meiner Beerdigung gibt’s Rockmusik und Fischbrötchen. Das ist alles geplant, vorbereitet und bezahlt. Nein, ich weiß noch nicht, wann ich sterbe – das dauert hoffentlich noch ein bisschen.

Dass ich für meine Abschlussfeier alles bestellt und durchgeplant habe, hat mehrere Gründe: Einer ist, dass ich die Menschen, die ich liebe, nicht damit allein lassen möchte. Ich bin es gewohnt, für die zu sorgen, die mir wichtig sind. Und da will sie mit dieser schwierigen Sache auch nicht allein lassen.

Meine Beerdigung wird richtig cool!

Der zweite Grund ist mein Beruf: Als Finanzexperte habe ich schon einiges erlebt. Zum Beispiel traumatisierte Familien und Angehörige, die völlig hilflos und überfordert waren. Gerade wenn ein Todesfall unerwartet ist, stehen Familien oft völlig parallelisiert vor den Aufgaben, die da anfallen. Die kommen oft in so Konjunktiv-Formulierungen: Das hätte ihm bestimmt gefallen, das wäre in seinem Sinne gewesen… Und manchmal streiten die sogar darüber. Das ist doch großer Mist! Da ist es doch viel besser, selbst alles vorzubereiten.

Und mein dritter Grund: Ich bin ein echter Kontrollfreak. Mein innerer Monk sagt: Ey, regel‘ das, bevor die das nachher falsch machen! Da stehe ich auch zu.

Ein Bekannter von mir ist selbstständiger Totengräber. Bestatter ist die richtige Berufsbezeichnung – aber ich sage immer Totengräber, weil ihn das so herrlich ärgert. Wir machen zusammen Musik, spielen beide Posaune. Neulich sind wir mal zusammen Motorrad gefahren, da habe ich ihn angesprochen, wie man sowas regelt. Wir haben uns dann zusammengesetzt und sind alles durchgegangen, er hatte eine Checkliste. Der Termin hat drei Stunden gedauert.

Meine Beerdigung wird richtig cool! Alle, die da sind und da sein wollen, sollen den Termin in liebevoller Erinnerung behalten. Es soll ein bescheidenes und nachklingelndes Event sein. Ich bin mir übrigens sicher: Ich werde dabei sein, nur halt nicht mehr im Körper. Aber energetisch werde ich den Termin schon begleiten.

Es gibt Fischbrötchen und Rockmusik

Am Stein des Gedenkens auf dem Friedwald wird Mathias Trauerfeier stattfinden.

Für meine Beerdigung spielen zwei Dinge eine zentrale Rolle, die mich mein ganzes Leben begleiten: Wald und Wasser. Es gibt da einen Friedwald in der Nähe von Kiel, direkt an einer Steilküste, den habe ich mir ausgesucht. Das war mir sehr wichtig: Ein Wald in der Nähe des Wassers. Am liebsten möchte ich unter einem Ahorn liegen, das hat mit meinem Sternzeichen zu tun. Aber wenn das nicht klappt, wird es halt eine Eiche.

Für den Sarg habe ich Spanplatte, Fichte, ausgewählt. Das Material spielt für mich keine Rolle, wird ja eh verbrannt. Das war die günstigste Variante. Meine Überreste kommen in eine kompostierbare Urne. Die wird in einer Zeremonie unter einem Baum vergraben. Mit der Zeit entsteht daraus also wieder Nahrung für ein neues Leben. An dem Baum soll eine Erinnerungsplakette angebracht werden – da habe ich Messing ausgesucht. Die ersetzt den Grabstein. Das find ich so viel besser, als wenn es eine Grabstelle gibt, die irgendwer pflegen muss.

Direkt an dem Wald gibt es einen Gedenkort, das ist keine Kirche, da versammeln sich alle Gäste. Da werden Stühle hingestellt – wenn es regnet, müssen sie halt alle ihren Schirm mitbringen. Dann wird die Urne zur Grabstelle getragen und versenkt, es gibt noch ein paar Worte, das soll reichen. Anstelle eines Lokals mit Kaffee und Kuchen machen wir alles gleich vor Ort. Dafür hätte ich am liebsten gern Fischbrötchen und eine Live-Band, bevorzugt Rockmusik! Das habe ich alles bestellt.

Schwarz ist nicht vorgeschrieben

Ich bin kein Mitglied der verfassten Kirche. Für meine Trauerfeier soll es einen Trauerredner geben. Den muss aber der Bestatter aussuchen – man weiß ja nicht, wen man so überlebt! Ich habe mich für eine kleine Gedenkfeier mit zwei bis drei Liedern entschieden. Eins der Lieder wird „In the Arms of an Angel“ von Sarah McLachlan sein.

Ich habe auch den Wunsch hinterlegt, dass es keine Trauerkleidung gibt – Schwarz ist also nicht zwingend vorgeschrieben. Jeder soll sich frei fühlen und anziehen, was er oder sie für richtig hält. Blumenschmuck will ich übrigens auch nicht. Ich habe eine Organisation rausgesucht, an die soll gespendet werden für mildtätige Zwecke.

Für mich noch sehr wichtig: An der Urne soll ein grüner, mit Helium gefüllter Luftballon hängen, der soll, sobald die Urne in der Erde ist, fliegen. Als Symbol für die Seele. Das bewegt mich sogar jetzt, wenn ich das sage. Da läuft es mir kalt den Rücken runter. Die größte Herausforderung für meinen Totengräber wird wohl sein, wir sind ja im Wald: Wie verhindert er, dass das Ding nicht in den Bäumen hängen bleibt? Also muss die ganze Bande noch mal runter an den Strand, dass das Ding fliegen kann. Das find ich schon wieder lustig.

Den Großteil habe ich schon bezahlt

„Ich fühle mich total gut damit“, sagt Mathias.

Als wir durch waren, hat mein Totengräber durchgerechnet, was die Kosten nach heutiger Lage sind… wir waren so bei 7.500 Euro. Dafür gibt es jetzt ein Treuhandkonto bei seinem Berufsverband. Ich hatte auch so Versicherungen geprüft, das war aber uninteressant. Das Konto ist eröffnet und verpfändet an ihn, da kommt auch keiner ran. Den Großteil der Summe habe ich bereits eingezahlt, jetzt geht es noch etwas weiter in Raten. Ich habe das auf 20 Jahre angelegt. Er bedient dann, wenn es so weit ist, von dem Konto, was er bedienen kann. Im Zweifel müssten die Angehörigen noch mal ran.

Als ich alles fertig hatte, habe ich meine Verwandtschaft in Kenntnis gesetzt. Ich habe zwei erwachsene Söhne und eine Ehefrau. Die waren erstmal sprachlos. Meine Botschaft war: Wenn mir etwas passiert, ruft ihr bitte meinen Totengräber an, er weiß Bescheid. Nein, es gab in dem Sinne keine heftigen Reaktionen. Wir haben Erfahrung: In der Familie meiner Frau war es vor 12 Jahren so, dass der Tod der Mutter völlig aus dem Nichts kam. Da ist genau das passiert, was ich erzählt habe – die nackte Panik brach aus. Und genau das will ich vermeiden.

Ich fühle mich total gut damit, alles vorbereitet und geregelt zu haben. Die Vorstellung von dem Event gefällt mir einfach. Ich kann das nur jedem empfehlen! Der Totengräber erzählte, dass die Leute inzwischen öfter kommen als früher, aber immer noch viel zu spät. Für mich war das so genau richtig: Ich fühle mich total geborgen und abgesichert, bis zum Schluss.

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