Stefan, 44, Chemnitz: „Ich geh mich regelmäßig prügeln“

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Wie ticken Männer im mittleren Alter? Wie blicken sie auf ihr bisheriges Leben und was würde ihr junges Ich über sie heute sagen? In unserer Köpfe-Rubrik protokollieren wir Momentaufnahmen.

Ich geh mich regelmäßig prügeln. Also: entspannt prügeln.

Die Sache mit dem Thai-Boxen ging damit los, dass mein Blutdruck zu hoch war. Meine Hausärztin sagte nach einem Full-Body-Check, ich solle abnehmen und mich gesünder ernähren, wenn ich nicht Medikamente nehmen will. Das habe ich erstmal ignoriert.

Der Blutdruck war zu hoch

Stefan geht sich regelmäßig prügeln. Weil er nicht erkannt werden will, haben wir seinen Namen im Text geändert.

Als ich dann ein Vierteljahr später wieder da war, hat sie gesagt: Wenn du jetzt nichts änderst, musst du wirklich Medikamente nehmen – regelmäßig!

Da dachte ich: Mit Anfang 40 regelmäßig Medikamente – das ist jetzt echt nicht cool. Und dann – total verrückt – habe ich am selben Abend angefangen, mich gesünder zu ernähren. Mediterran. Und das als großer Fleischesser.

Ich war total baff, wie einfach das ging. Ich habe dann einfach weniger Kohlenhydrate, mehr Salat gegessen und ingesamt die Mengen reduziert. Schnell habe ich gemerkt, ich nehme ja ganz schön ab. Das gab mir Auftrieb.

„Nach etwa einem Jahr war ich 20 Kilo leichter“

Nach etwa einem Jahr war ich 20 Kilo leichter. Der Blutdruck ist runtergegangen, ich habe mich besser gefühlt und nicht mehr so gekeucht, wenn ich im Treppenhaus hoch bin.

Dann war das Level erreicht, dass beim Abnehmen nichts mehr passiert ist. Zeitgleich haben mir gegenüber ganz unterschiedliche Leute das Thai-Boxen promotet. Eines Tages war dann so ein Event, so ein Kampfsport-Event, was ich mir angeguckt habe. Da war ich völlig geflasht!

Geflasht von dem ganzen Adrenalin

Ich war einmal geflasht von dem ganzen Adrenalin, der Power und den Kämpfen. Aber gleichzeitig war ich total fasziniert von der Happiness der Kämpfer nach dem Kampf!

Die hatten eine totale Glücksausschüttung und sind sich danach gegenseitig in die Arme gefallen. Obwohl sie sich vorher fies malträtiert hatten. Das fand ich extrem beeindruckend.

Meine Frau hat dann gesagt: „So viele Pfeile aus dem Universum in kurzer Zeit – geh doch mal da hin und mach das!“

„Ich bin völlig untrainiert, mit null Kondition, da mal hin“

Ich hatte über zehn Jahre keinen Sport gemacht. Ich bin völlig untrainiert, mit null Kondition, da mal hin. Ich war völlig platt von dem ersten Training, ich hatte den Muskelkater meines Lebens. Aber ich fand das großartig, mal wieder richtig schön im Arsch sein.

Damit ging es los. Seit einem Dreivierteljahr gehe ich jetzt zweimal die Woche zum Muay Thai. Das macht mich sehr happy: physisch wie psychisch!

Das Training besteht aus unterschiedlichen Komponenten: Dehnung, Krafttraining, Techniken und Sparring. Sparring ist ähnlich einem Kampf, allerdings mit weniger Intensität.

Boxhandschuhe und Mundschutz

Beim Training tragen wir klassische Boxhandschuhe, Schienenbeinschoner und Mundschutz. Thai-Boxen ist eigentlich der Kampfsport – außer MMA –, bei dem am meisten erlaubt ist. Man kann Fäuste einsetzen, kicken, aber auch mit Ellbogen und Knien arbeiten. Außerdem gibt es Wurftechniken.

Das Kämpfen und die Technik sauber zu erlernen ist sehr komplex. Und: Mit der leider etwas verzögerten Auffassungsgabe in meinem Alter, muss ich mich wohl noch auf viel Training einstellen, um irgendwann mal was brauchbares zustande zu bringen.

Und ja, man hat ständig blaue Flecken, die Handgelenke tun öfters weh, das ist aber nichts dramatisches. Insgesamt befriedigt mich die Mischung aus Technik und dem integrierten Fitnesstraining. Das macht meinen Körper fit – und mich sehr happy.

Ich würde schon sagen, ich habe jetzt ein Sixpack. Das ist allerdings von einer dezenten Speckschicht verdeckt, die wiederum vom Bierkonsum herstammt. Die behalte ich aber auch gern bei.

Aber ich fühle mich einfach zufriedener. Ich gucke mich auch wieder viel lieber an als früher.

Club zieht eher linkes Milieu an

Unsere Trainingsgruppe ist sehr divers, das Alter in der Gruppe reicht von 20 bis knapp 50 Jahren. Ich bin definitiv einer der Älteren – was man auch im Training merkt.

Bei dem Club handelt es sich um einen, der eher ein linkes Milieu anzieht. Der Umgang miteinander ist ausgesprochen wertschätzend und sehr freundlich. Es gibt da keine toxische Männlichkeit, wie das vielleicht in anderen Gyms der Fall ist. Das ist bei uns völlig entspannt.

Stefan heißt in Wirklichkeit gar nicht Stefan. Er möchte aber nicht erkannt werden, deswegen haben wir den Namen geändert.

Meine Frau sagt, sie findet es gut, dass ich das mache. Aber nicht, weil ich jetzt so aussehe, wie ich aussehe, sondern weil ich es durchgezogen habe. Sie könnte da aber nicht zugucken, einfach weil das schmerzhaft und brutal scheint. Aber sie feiert es.

Wenn mein 18-jähriges Ich heute auf mich gucken würde, würde es sagen: cool!

Bisschen weniger Action

Wahrscheinlich würde es auch sagen: Eigentlich ganz schön langweilig, dein Leben. Die Zeit, als ich 18 war, war definitiv meine beste! Mit 18 dachte ich: mit 24 ist alles vorbei… und du machst nichts mehr.

Da würde ich jetzt sagen: Ah, krass, man kann ja auch mit – aus damaliger Perspektive: alten – 30 oder sogar Mitte 40 Jahren noch Dinge erleben! Nur mit ein bisschen weniger Action.

In der Summe wäre es dann doch ziemlich zufrieden mit mir, mein 18-jähriges Ich!

Was ich anderen raten würde? Zieh das einfach mal durch! Ich war massiver Fleischesser, habe große Mengen verspeist. Es ist für mich überraschend easy gewesen, abzunehmen, mich dann besser und gesunder zu fühlen. Probiere das mal aus und überstehe mal zwei Wochen!

Man lernt seinen Körper irgendwie noch mal neu kennen… und dass der relativ viel aushalten kann.

Seitdem viel gelassener

Auch eine ganz banale Komponente: Im Alltag gehe ich seitdem viel gelassener mit kritischen Situationen um. Nicht, weil ich ein paar Schlagmoves gelernt habe… also mir ist bewusst, dass ich im Grunde noch nix kann. Ich habe vielleicht Level 2 von 100. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich gelassener bin, wenn mal etwas Kritisches passiert.

Ich kann wohl ganz ehrlich sagen: Die ganze Sache beschert mir sehr viel Wohlbefinden, Freude und Glück. Ich hatte auch mehrere Jahre Rückenschmerzen und Bandscheiben-Probleme – das ist seit dem Training jetzt auch nahezu weg. Besser hätte ich es nicht treffen können… und ich bin dafür sehr dankbar.

Protokoll: Peter Stawowy

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