Fremdscham und Selbsterkenntnis

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Gestern ein lustiges Wiedersehen mit zwei alten Bekannten nach (gefühlt) 10 Jahren. Wir stellen schnell fest: Wir sind alle getrennt oder geschieden. Aber nicht alle glücklich. Ich werde gefragt, was mir besonders geholfen hat – und erzähle eine lustige Seminar-Anekdote.

September 2017. Das Yoga-Studio hat geladen, Guru Ludwig ist in der Stadt. Ich betrete in Sportzeug den großen Saal. Mir bleibt die Spucke weg: Mindestens 40 Frauen. In Yoga-Klamotten. Und ich habe die Brille in den Spind gelegt!

Mir bleibt die Spucke weg: Mindestens 40 Frauen. In Yoga-Klamotten.

Ich setze mich auf meine Yoga-Matte nahe der Tür, fühle mich aber gar nicht wohl… gefühlt ist die Frau neben mir zu attraktiv (soweit ich das erkennen kann). Ganz vorne rechts entdecke ich einen anderen Mann und wechsle den Platz. Ein Artgenosse, uff!

Das Seminar nimmt seinen Lauf. Es geht um Schattenarbeit, also Dinge, die man an sich selbst ablehnt. Kurzvorträge, Yoga-Einheiten, Meditationen wechseln sich ab. Guru Ludwig ist jung, aber macht das wirklich gut.

Dafür verbinden wir uns alle die Augen

Irgendwann kommt eine Übung: Alle dürfen sich überlegen, was sie an sich ablehnen, aber niemals preisgeben würden. Heilung soll bringen, es einmal laut auszusprechen. Dafür verbinden wir uns alle die Augen. Ludwig geht rum und tippt wahllos auf Schultern, wer seine Un-Gedanken aussprechen und damit loslassen darf.

Die Gedanken sind alle ähnlich: „Ich kann mich nicht leiden.“ „Ich verachte mich.“ „Ich finde mich so hässlich.“ Ständig wechselt die Richtung, aus der die Stimmen kommen.

Plötzlich neben mir eine Männer-Stimme, die laut in den Saal spricht: „Ich muss mich ständig selbst befriedigen.“

Selten im Leben habe ich mich so sehr in die andere Ecke vom Raum gewünscht.

„Ich muss mich ständig selbst befriedigen.“

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Zwei Geschenke hatte der Tag für mich:

Dass alle ähnliche Baustellen haben – Selbstabwertung, Selbstablehnung, mangelndes Selbstwertgefühl – war für mich eine wirklich wichtige Erkenntnis. Dass manche noch Zeit brauchen und sich derweil ablenken – okay!

Das zweite Geschenk: Dieser kurze Moment der Fremdscham, der sich heute als lustige Anekdote erzählen lässt.

Wir sitzen alle irgendwie in einem Boot, Männer!

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