Vier Tage Männer-Seminar

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„Mit größter Freude Mann-Sein!“ hatte es in der Ankündigung des viertägigen Männer-Seminars geheißen. Mitte April mache ich mich auf den Weg ins Seminar-Hotel in Bad Lippspringe – leicht nervös und voller Neugier.

 Ein Erfahrungsbericht von Peter Stawowy

Wann hast du das letzte Mal etwas zuerst gemacht? Ich sitze mit 33 Männern in einem großen Kreis. Wir reden über Gefühle.

Seminarleiter Tim erklärt: „Wer in den Frieden möchte, darf sich seinen Unfrieden in seinem Leben anschauen und verstehen lernen.“

Mangelgedanken und Fülle

Immer wieder werde ich im Laufe der nächsten vier Tage in tief betroffene Gesichter sehen, den Tränen nahe. Manchmal überkommt es einen: Tränen fließen dann und die Stimme bebt, wenn jemanden die Emotion im wahrsten Sinne des Wortes „übermannen“.

Und mindestens genauso oft sehe ich die andere Seite: Strahlende und leuchtende Augen, Männer voller Energie und Lebensfreude, weil sie emotionale Blockaden gelöst und alten Ballast in Rente geschickt haben.

Immer wieder versuchen wir dafür, die Verbindung mit unseren inneren Kindern, mit Erfahrungen aus vergangenen Zeiten herzustellen. Und sie anzunehmen und bejahend zu fühlen.

„Wer in die Fülle möchte, darf sich seine Mangelgedanken und -erfahrungen anschauen“, sagt Tim. Und: „In die Freude durch deine Trauer und in die Freiheit durch deine Erfahrungen der Unfreiheiten und Abhängigkeiten.“

Burn-out, Trennung, Verlust

Die Mehrheit hier im Raum ist geschickt worden. Mal von der Frau, mal vom Leben. „Tu doch mal was für dich selbst!“ Mancher hat eine schwere Lebenskrise hinter sich, Geschichten von Burn-out, Trennung oder Verlust eines geliebten Menschen füllen den Raum.

Es gibt auch Vorbehalte, nicht wenige: Sollte das hier vielleicht irgendwie schräg werden? Erwartet uns irgendwelcher Hokuspokus? Gefühlsduselei?

Was werden wohl Freunde und Bekannten sagen? Und könnten hier Dinge passieren, die man mit der eigenen, sachlichen Sicht auf die Welt nicht übereinbringen kann?

Tim macht eine Tür auf: „Betrachtet alles, was ich erzähle, wie eine Kleiderstange mit verschiedenen Anzügen. Das, was ihr glauben wollt, nehmt ihr. Das, was euch nicht schlüssig erscheint oder nicht zu eurem Weltbild passt, glaubt ihr nicht. Nehmt euch einfach den Anzug, der euch passt!“, sagt er.

Bemerkenswerte Dinge

Es passieren tatsächlich mindestens bemerkenswerte Dinge: Ein Teilnehmer berichtet, wie er am Abend auf seinem Hotelzimmer die Seminar-„Hausaufgabe“ anfängt, einen Brief an die eigene Mutter zu schreiben. Just in dem Moment, als er „Mutter“ schreibt, klingelt sein Telefon. Am Apparat, das erste Mal seit Monaten: seine Mutter. Seit langer Zeit redet er mit ihr, ganz anders als in den Jahren davor. Nach Ende des Gesprächs schreibt er ein „Liebe“ vor das „Mutter“. Seine Stimme stockt, während er davon berichtet.

„Es gibt keinen Zufall“, murmelt ein anderer Teilnehmer, nachdem am Ende einer sehr berührenden Meditation ein Lied kommt, das ihn sichtlich anfasst. Tränen kullern über seine Wangen.

Mutter, Vater, Beziehungen…

Es sind die vielen ehrlichen und berührenden Momente, die die Gruppe immer weiter zusammenschweißen. Berichte aus junger und alter Vergangenheit, manche überaus erschütternde Geschichte, dramatische und gruselige Erlebnisse sind dabei.

Jeder hat halt so sein Päckchen zu tragen. Aber mit jeder Geschichte, mit jedem Tag steigen Verbundenheit und Energie. Die Begrüßungsumarmungen am Morgen werden fester.

Tim geht auf die Dinge ein, die aus der Gruppe kommen. Jeden Tag wird ein Thema behandelt, das Verhältnis zur Mutter und zum Vater der Kindheit, Beziehungsfragen. Der Seminarleiter berichtet eigene und fremde Erfahrungen, zeigt Übungen, fragt die Runde nach eigenen Erlebnissen und ordnet ein.

Mit dem Auto in die Schlucht

Ich bin etwas skeptisch hingefahren. Eigentlich geht es mir doch gut! Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, mal wieder etwas für mich und meine mentale Situation zu tun. Vielleicht hat auch die Liebste ein wenig geschoben. Zum Glück habe ich einige Seminar-Erfahrung, weiß, dass es eigentlich immer etwas für das eigene Wohlbefinden bringt.

Die ersten zwei Tage schlafe ich bei den Meditationen immer wieder ein. Das fuchst mich. Ist das nicht verschwendete Energie und am Ende verschenktes Geld? Tim beruhigt: Hinterher bist du immer wieder wach, du bekommst also genug mit, sagt er. Und: „Der kleine Peter braucht offensichtlich sehr viel Ruhe.“

Damit hat er mich. Ich beginne zu grübeln.

In der Nacht habe ich einen wilden Traum: Ich stürze mit meinem Auto in eine tiefe Schlucht, falle und falle und hoffe, dass es ein Traum ist. Aber es ist kein Traum, ich wache nicht auf, bin mir immer sicherer darin, dass es vorbei ist! Aber warum zieht das Leben nicht an mir vorbei? Könnte ich noch gerettet werden? Kann ich wenigstens meinen Beifahrer retten?

Ich stürze weiter in die Tiefe. Jetzt muss es wirklich gleich vorbei sein! Ich frage mich, warum ich nicht intensiver gelebt und immer so viel gegrübelt und gezweifelt habe. Ich Idiot! Jetzt kann ich ja nichts mehr machen… Da spüre ich etwas an meiner Wange. Ein Kissen. Ein Kissen!?

Ich wache schweißnass auf, bin schlagartig wach. Ich kann mein Glück kaum fassen! Es ist 5:30 Uhr morgens, ich bin hellwach und völlig irritiert. Ich starte Musik, tanze durch das Zimmer und freue mich meines Lebens!

Hammer, was für ein Traum!

Deine größte Angst?

Am Abend eine weitere Schlüsselsituation für mich: Wir sitzen uns pärchenweise gegenüber und sollen einander tief in die Augen schauen. Das fällt manchem schon schwer. Wir sollen jetzt dem Gegenüber Fragen beantworten. Die erste: Worauf bin ich besonders stolz? Easy: Familie, persönliches Glück, Job.

Die zweite: Wovor habe ich die meiste Angst? Mir schießen die Tränen in die Augen, ich kann kaum an mir halten. Viele Situationen der letzten Wochen werden mir schlagartig klar, warum ich mich wie verhalten habe. Ich bin die ganze Zeit im Leistungsprinzip, nach dem Motto: Wenn ich nur genug leiste, werde ich schon geliebt. Wie als Kind.

Tief bewegt und sehr berührt sitze ich später am Abend eine ganze Weile allein auf meinem Hotelzimmer. Den Abend runden dann aber doch zwei Cuba Libre an der Bar ab – mit anderen Männern im Gespräch.

In der männlichen Energie

Am nächsten Tag ist sie dann wieder da, meine alte Energie. Ich bin sehr bei mir. Ich strahle und lache und freue mich auf das, was kommt. Am Sonntag, nach vier Tagen intensiven Spüren und Fühlen, bin ich gleichzeitig auch traurig, dass es schon vorbei ist. Diese Tage vergingen wirklich wie im Flug!

Aber: Ich habe neue Freunde und viel über mich gelernt. Wir alle, die ganze Truppe, sind weit mehr in unseren männlichen Energie als vorher. Das stellt auch die Liebste ganz verzückt fest, als ich wieder daheim eintreffe.

Ob ich so ein Männer-Seminar empfehlen kann? Unbedingt!

Hier kann man sich zum nächsten Männer-Seminar „Mit größter Freude Mann-Sein!“ anmelden.

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