Paarberaterin Claudia Bechert-Möckel: „Viele Paare kommen erst, wenn gar nichts mehr geht“

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Wenn nichts mehr geht, suchen viele Paare Hilfe bei professioneller Beratung. Aber was bringt Paarberatung? Persönlichkeits- und Beziehungscoach Claudia Bechert-Möckel über festgefahrene Beziehungen, Erwartungen von Männern und Frauen und Erfolgschancen von Paarberatung.

​​Was sind das für Beziehungen, die zur Paarberatung kommen? 

Claudia Bechert-Möckel, Foto: privat

Claudia Bechert-Möckel: Das Spektrum ist sehr vielfältig. Das reicht von einer eigentlich stabilen Beziehungsbasis, wo einzelne Probleme etwa bei der Kommunikation oder im Bereich Sex aufgetaucht sind, bis hin zur völligen Zerrüttung. Das sind dann Paare, wo eigentlich nur noch die Struktur der Beziehung da und es innendrin überhaupt nicht mehr lebendig ist.

​Was meint nicht mehr lebendig”? 

Der Ursprung der Beziehung ist die Leidenschaft. Die Paarbeziehung an sich, also dieses “Ich und du”, folgt erst später, wenn wir in eine Langzeitbeziehung reingehen. Da erweitert sich natürlich der Rahmen: auf Familie zum Beispiel, dass wir zusammen Kinder haben, dass wir zusammen leben, manche haben sogar Firmen zusammen. Ich sage dazu gerne, da entsteht ein ganzes Universum. Dieses Universum ist wunderbar, aber es ist eine Folge der Paarbeziehung, also des Ich und des Du. Die Paarbeziehung ist das Sonnensystem. Ohne diese Sonne aber kollabiert irgendwann das Universum.

„Man kann nicht über die Familienstruktur die Paarbeziehung erhalten.“

Aber reicht es nicht, die Familie als Grundlage zu haben? 

Familie ist was Wunderbares, ja. Aber man kann nicht über die Familienstruktur die Paarbeziehung erhalten. Häufig kommen Paare in die Paarberatung, bei denen nur noch diese Umstände, wie eben Familie zu sein, die Strukturen zusammen halten. Das funktioniert aber so nicht.

Sind die Beziehungen dann noch zu retten?

Da antworte ich wie ein Rechtsanwalt: “Es kommt darauf an.” Viele Paare kommen zu spät. Das liegt in der Natur von Beziehungen. Sie kommen oft erst dann, wenn gar nichts mehr geht. Dann ist es natürlich gar nicht so einfach, über Jahre eingeschliffene Verbindungs- oder Kommunikationslosigkeit oder Disbalanzen wieder geradezurücken.

Und wie lösen sie das dann?

Dazu ist auch eine große Bereitschaft von beiden Seiten nötig, wirklich diese Themen angehen zu wollen. Das aber bedeutet, man muss wirklich bei sich selbst anfangen. Nur wenn beide die Bereitschaft haben zu erkennen, wie trage ich zu dem Problem bei, kann sich wirklich eine Veränderung einstellen. Sonst wird es halt leider nicht funktionieren, weil wir den anderen ja nicht ändern können. Wir können aber unseren Anteil an diesem Problem, unsere Verantwortung nehmen und das sortieren. Das ist oftmals gar nicht so leicht. Häufig findet ja dieses: “Aber Du! Aber Du!” statt. Wir haben wirklich alle eine Neigung, das Problem immer zuerst beim anderen zu sehen.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Erwartungen an den Partner bzw. die Partnerin betrifft? 

Eine alte Weisheit aus der Paarberatung sagt, dass es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt: Männer wollen, dass ihre Frauen wieder so sein sollen, wie sie am Anfang der Beziehung mal waren. Frauen wünschen sich aber, dass ihre Männer sich verändern. Und beide tun das nicht (lacht)! Das ist tatsächlich eine Schwierigkeit.

„Am Anfang steht die Leidenschaft, später kommen Freundschaft und Gemeinschaft dazu.“

Wie verändern sich Beziehungen mit der Zeit? 

Am Anfang steht die Leidenschaft. Später, in der Langzeitbeziehung, kommen noch andere Ebenen dazu: Freundschaft und Gemeinschaft. Freundschaft ist ganz wichtig, weil man sich da gegenseitig unterstützt, gemeinsame Erfahrungen macht, sich den Rücken frei hält. Das dritte ist dann die Gemeinschaft: also ein Team sein, den Alltag teilen, dieses ganze Universum am Laufen halten. Natürlich gehören auch Familie und Kinder zur Gemeinschaftsebene. Und nur, wenn die Triade aus Leidenschaft, Freundschaft und Gemeinschaft rund ist, ist das auch eine lebendige Beziehung.

Und die Leidenschaft stirbt mit der Zeit? 

Paare geraten oft in die Funktionsfalle und die Leidenschaft wird nicht mehr gelebt. Damit meine ich nicht nur Sex, sondern dieses wirklich mit dem Anderen verbunden sein auf der Ich- und Du-Ebene, mit körperlicher und emotionaler Intimität. Dieser Ebene: “Ich sehe dich und ich zeige Dir was von mir”, ist langsam der Saft abgedreht worden, weil alle Energie in die Freundschafts- oder Gemeinschaftsebene gesteckt wurde. Damit kann man auch eine Weile überleben, aber dann geht eben oft die Liebe, also der eigentliche Ursprung, verloren. Und es ist davon abhängig, ob man dieses Pflänzchen, das mal der Ursprung der Beziehung war, wieder zum Wachsen bringt.

„Die ursprüngliche Paarbeziehung liegt unter einem Schuttberg von ungeklärten Themen begraben.“

Wie kann das gelingen? 

Dieses Pflänzchen, diese ursprüngliche Paarbeziehung, liegt unter einem Schuttberg von ungeklärten Themen begraben. Das können Verletzungen sein, die man sich gegenseitig versehentlich angetan hat, oder Krisen oder auch unausgesprochen Gefühle. In der Paarberatung kann man anfangen, diesen Schuttberg ganz langsam abzutragen, um zu sehen: Kann man denn an das Pflänzchen wieder Wasser und Sonne bringen, dass da noch was wächst? Manchmal ist es eben der Fall, dass das Pflänzchen so niedergetrampelt ist, dass es nicht mehr lebendig werden kann. Dann ist es egal, wie viel man macht oder wie viel man an der Kommunikation arbeitet. Wenn diese ursprüngliche Verbundenheit füreinander nicht mehr da ist, dann nützt da auch die Paarberatung nichts.

Wie hoch ist denn die Erfolgsquote von Paarberatung? 

Wenn Erfolg bedeutet, die Beziehung zu retten, dann ist das natürlich nicht immer der Fall. Weil, wie schon gesagt, viele Paare zu spät kommen. Ein Erfolg kann aber auch sein, dass es gelungen ist, diese Themen wirklich tiefer zu verstehen und auch zu verstehen, was ist denn eigentlich mein Thema. Das ist ja auch bei Trennungen sehr wichtig. Also zu verstehen, was ist denn eigentlich wirklich unterm Radar in dieser Beziehung passiert und was ist mein Anteil daran?

Und wenn das nicht klappt? 

Wenn wir das nicht tun, können wir uns aus der Beziehung lösen, aber haben das Problem nicht gelöst. Wir gehen dann vielleicht einfach in eine neue Beziehung und wissen nicht, welchen unbeabsichtigten Anteil wir am Scheitern haben. Das führt dazu, dass sich die Sache wiederholt: Wir machen das dann in der nächsten Beziehung wieder.

„Viele Frauen kommen mit der Vorstellung, es müsste ihm mal jemand sagen, was ich eigentlich meine.“

Geht die Initiative zur Paarberatung eher von den Frauen oder eher von den Männern aus? 

Zu einem sehr großen Anteil von den Frauen. Das hat, vermute ich, mit unserer Prägung zu tun. Viele Frauen kommen mit der Vorstellung, es müsste ihm mal jemand sagen, was ich eigentlich meine. Es gibt häufig ein Übersetzungsproblem. Tatsächlich ist das auch ein Großteil meiner Arbeit, dass ich zwischen diesen inneren Welten der Partner eine Übersetzung mache. Dass sie überhaupt verstehen, was der andere meint, um was es da geht.

Verändert sich da aber nicht gerade etwas in der Gesellschaft? 

Ja, weil sich im Selbstverständnis der Männer etwas ändert. Also Gefühle wegdrücken, hart sein, sich stark machen und da darüber hinweggehen, so sind Männer früher erzogen worden. Das fängt an, sich zu ändern, was gut ist. Aber tatsächlich liegt dieses Kümmern und sich um die Liebe sorgen schon immer noch eher bei den Frauen. Die sind häufig näher an ihren Gefühlen dran und haben ein größeres Problembewusstsein.

Kommen Männer manchmal auch allein? 

Das passiert, wenn Männer einen großen Problemdruck haben, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Das erleben sie zunächst meist als Schwäche, weil das in der Gesellschaft immer noch oft assoziiert wird mit: Da geht man zu jemanden hin und öffnet sich… Solche Männer wollen dann etwa wissen: Warum passiert mir das alles? Schon zum dritten Mal? ich möchte das gerne verstehen.

„Ich wundere mich manchmal, wenn Menschen mir sagen, wir machen schon zwei Jahre Paarberatung.“

Wie lange dauert so ein Prozess? Woran erkennen die Betroffenen, dass es genug Beratung war? 

Also ich wundere mich manchmal, wenn Menschen mir sagen, wir machen schon zwei Jahre Paarberatung. Dann denke ich mir: Was passiert denn da? Ich vermute, das liegt so ein bisschen am Ansatz. Ich arbeite lösungsorientiert, das heißt, bei mir geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. Das geht eben immer los mit Verstehen: Wie sind wir an diesen Punkt gekommen und was machen wir denn stattdessen? Das kann dann schon relativ zügig vonstatten gehen, wenn die Bereitschaft wirklich da ist, also zwischen drei und zehn vielleicht Sitzungen. Es gibt auch Paare, die haben mit einer oder zwei Sitzungen genau das, was sie brauchen.

Gilt das Klischee noch, dass Männer eher verschlossen und den eigenen Gefühlen gegenüber distanziert sind? 

Die jüngeren Generationen erlauben sich zunehmend, Gefühle zu fühlen. Es gibt aber nach wie vor jede Menge Männer, die schon von klein auf zu Bedürfniserfüllern, so nenne ich das, erzogen worden sind. Also so zu dienen, den Frauen alles so recht wie möglich zu machen und die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Die Tendenz, dass Männer männlich sein dürfen, ohne dass das bedeutet, dass sie ihre Gefühle wegsperren oder unendlich stark sein müssen, ist eine Entwicklung, die ich sehe und sehr schön finde. Die Übertreibung dieses Verhaltens aber ist, dass Männer die besseren Frauen werden wollen und ihr Mannsein verstecken. Das ist nicht gut.

„Sexuelle Anziehungskraft braucht einen Tanz aus Distanz und Nähe.“

Und wie ist das bei den Frauen? 

Umgekehrt ist es natürlich genauso: Sehr viele Frauen haben sehr viele durchsetzungsfähige und starke Seiten, die sie auch leben dürfen. Aber gleichzeitig haben sie auch die weibliche Seite, etwa hingebungsvoll sein zu dürfen. Das Männer und Frauen diese Balancen in sich selbst leben, hilft dann auch der Beziehung, in der Balancen zu bleiben. Denn wir sind ja nicht in Beziehungen, weil wir so gleich sind, sondern die Anziehungskraft entsteht dadurch, dass wir verschieden sind. Wenn das nicht erhalten bleibt, ist das der Tod für den Sex. Sexuelle Anziehungskraft braucht aber, dass wir einen Tanz aus Distanz und Nähe aufführen.

Haben sie einen allgemeinen Rat an Männer zum Thema Beziehungen? 

Ich würde Männern empfehlen mal zu schauen, fühle ich mich in dieser Beziehung wirklich wohl? Sagt es da “Ja” in mir? Oder eher ein “Mhm”. Männer definieren sich häufig über die Struktur der Beziehung, also über: “Das habe ich!” Haben, Sein und Tun sind aber verschiedene Aspekte unseres Lebens. Und Männer werden häufig immer noch so erzogen, mehr auf dieses Haben und das Tun zu schauen. Das Sein, also wie geht’s mir denn wirklich, zu vernachlässigen, ist nicht gut. Ich würde deswegen empfehlen, von der strukturellen Ebene mehr zur Selbstverbindung zu gehen. Und dann auch mal auszusprechen, wenn einem etwas nicht gefällt oder wenn man mit etwas unzufrieden ist.

…was dann aber zu Konflikten führen kann. 

Männer müssen das ja nicht als Kampfansage oder harte Kritik machen, sondern können auch einfach sagen: “Du, ich glaube, wir haben hier ein Thema, das würde ich gerne mal besprechen” oder “da bin ich nicht mehr so ok damit”. Es ist wichtig, keine Angst davor zu haben, sich dann da nackig machen zu müssen und wirklich mit der eigenen Emotion in Kontakt zu sein. Diese Themen zu vermeiden und zu verschieben, das bringt gar nichts! Das wächst sich wirklich aus, je länger man das verschiebt.

Vielen Dank für das Interview!

Claudia Bechert-Möckel ist Persönlichkeits- und Beziehungscoach, Podcasterin & Autorin aus Dresden. In ihrem Podcast Leben Lieben Lassen liefert sie jede Woche Inspirationen und praktische Selbstcoaching-Tools zu den Themen Persönlichkeit, Beziehung & Selbstliebe.

Titelbild by Pavel Badrtdinov on Unsplash.

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