Michael, 53, Düsseldorf: „Alles ist endlich“

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Wie ticken Männer im mittleren Alter? Wie blicken sie auf ihr bisheriges Leben und was würde ihr junges Ich über sie heute sagen? In unserer Köpfe-Rubrik protokollieren wir Momentaufnahmen.

Ich mache ehrenamtliche Sterbebegleitung im Hospiz hier in Düsseldorf. Das ist mein absolutes Herzensprojekt. Außerdem bin ich in der Obdachlosenhilfe aktiv, beim Gute-Nacht-Bus. Da fahren wir zwei Mal im Monat mit dem Bus raus und geben Lebensmittel und Kleidung aus und führen gute Gespräche mit den Klienten am Bus.

Beides ist Ehrenamt, hauptberuflich bin ich Vertriebsingenieur für erneuerbare Energien.

Ehrenamt im Hospiz

Das Hospiz ist relativ klein. Wir haben 13 Zimmer und also maximal 13 Patienten. Ich bin da mindestens einmal in der Woche an der Rezeption und nehme Angehörige in Empfang oder kümmere mich um Patienten und deren Belange, bringe Essen und Getränke oder helfe, wenn sie zum Beispiel Probleme mit dem Smartphone oder so haben. Ich mache aber auch Einzelbegleitungen und begleite sterbenskranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase.

Ich bin durch meine Mutter sehr früh in meinem Leben mit dem Tod konfrontiert worden. Sie war 28 und ich war 10 Jahre alt, als sie starb. Ein Jahr später ist mein Opa gestorben. Und als ich 22 war, ist ein Kumpel von mir an Lymphdrüsenkrebs verstorben – und so zog sich das Thema eigentlich immer irgendwie durch mein Leben.

2018 war ein Schlüsselpunkt: Ich habe meinen Schwiegervater bei sich zu Hause im Badezimmer gefunden und den Krankenwagen gerufen. Er lag dann noch 18 Tage im Krankenhaus und ich war jeden Tag da, bis er letztendlich verstorben ist.

„So, hier bin ich, ich will gerne umschulen“

Von dem Einsatz der ganzen Hauptamtlichen, also Ärztinnen und Ärzte, Schwestern, Pfleger, den ganzen Menschen, die da waren und sich um meinen Schwiegervater und uns als Angehörige gekümmert haben, war ich total begeistert. Da habe ich gesagt, ich will hier ein Teil von diesem Team werden, ich will mich in diesem Bereich engagieren.

Dann bin ich ganz blauäugig zum Arbeitsamt gegangen und habe gesagt: „So, hier bin ich, ich will gerne umschulen, ich will in den sozialen Dienst.“ Die haben mich erst mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und gesagt: „Mein lieber Freund, da fehlt ja aber jegliche Ausbildung und Qualifikation dafür.“

Ich hätte also eine komplett neue Ausbildung starten müssen. Da war ich 48 und hätte mir das natürlich gar nicht erlauben können. Ich muss ja auch gucken, dass es finanziell irgendwo weitergeht. Eine Bekannte hat mich dann auf die ehrenamtliche Arbeit im Hospiz aufmerksam gemacht. Da habe ich mich beworben und den Ausbildungskurs begonnen.

Seit November 2020 bin ich jetzt fest ehrenamtlich im Hospiz tätig.

Nähe und Distanz

Was ganz wichtig ist für so ein Ehrenamt: Das Bewusstsein zu haben, dass alles endlich ist. Wenn dir das klar ist, ist es auch gar nicht mehr so schwer, so eine Begleitung anzufangen. Das Thema heißt Nähe und Distanz.

Also, du gehst zum Patienten, begleitest ihn – aber wenn ich wieder nach Hause gehe, dann bin ich auch wieder auf Distanz. Ich lasse das alles nicht so nah an mich ran, dass ich das zu Hause irgendwie noch weiterverarbeite oder so. Wir hatten zum Beispiel einen Patienten, der ist 95-jährig verstorben, und da war ich völlig okay mit. Ich habe an seinem Bett noch Sitzwache gehalten. Ein oder zwei Wochen später ist eine junge Frau mit 34 verstorben, und das war für mich dann nicht okay und das habe ich auch wirklich mit nach Hause genommen.

„Man braucht viel Fingerspitzengefühl und Empathie. Und Humor“

Wir haben regelmäßige Treffen mit allen Ehrenamtlichen und auch der Seelsorge für uns. Da sprechen wir über die Begleitungen und eben auch solche Themen, die uns bewegen. Das ist sehr wertvoll, weil du von allen Tipps bekommst, wie du am besten mit gewissen Situationen umgehen kannst. Du bist nie alleine mit einer Begleitung.

Man braucht für die Aufgabe viel Fingerspitzengefühl und Empathie. Und Humor. Der darf definitiv nicht zu kurz kommen, gerade bei so einem ernsten Ehrenamt. Das mag überraschen, aber wir haben im Hospiz teilweise echt viel zu lachen, auch mit den Patienten. Mich erfüllt das sehr, Menschen so helfen zu können.

Mit dem Gute-Nacht-Bus unterwegs

Die Sache mit dem Gute-Nacht-Bus hatte ich schon früher angefangen, das war 2018. Da war ich lange krankgeschrieben. Ich war unglücklich mit der Arbeit und habe wirklich Monate zu Hause gesessen und gemerkt, mir geht es einfach nicht gut, ich muss irgendwas tun. Dann hat mir jemand gesagt, beim Gute-Nacht-Bus suchen die Ehrenamtliche.

Ich war erst nicht sicher, ob das was für mich ist. Dann habe ich mich da vorgestellt und bin einfach mal mit rausgefahren.

Ich hätte nie gedacht, dass das so ist, wie das ist – weil ich ja auch früher keine Ahnung hatte. Eine wirklich tolle Freundin hat man zu mir gesagt: Obdachlose, das sind Menschen, die sind irgendwann im Leben mal falsch abgebogen, aus welchem Grund auch immer. Und die finden einfach den Weg nicht mehr zurück. Genau so ist es.

Keiner ist freiwillig soweit unten in seinem Leben angekommen. Hinter jedem ungepflegten Bart, hinter jedem zerrissenen Anzug, hinter all den Menschen steckt eine Geschichte – und die ist es einfach wert, gehört zu werden! Sich da engagieren zu können und den Leuten zu helfen und sie ein bisschen zu unterstützen, das ist wirklich wertschöpfend für mich.

Warum soll ich nicht etwas abgeben?

Das macht mich nicht zu einem besseren Menschen, garantiert nicht! Aber ich habe einfach gelernt, dass selbstverständliche Dinge eben nicht selbstverständlich sind, und das ist, wie ich finde, eine ganz große Erkenntnis und auch ein ganz großes Glück.

Weißt du, ich hab nen Job, der wird echt gut bezahlt. Ich hab ne schöne Wohnung, ich habe eine tolle Frau, ich habe vier wundervolle Kinder – und ich kann mich jeden Abend ins Bett zu meiner Frau legen und beruhigt einschlafen. Wie viele Menschen können das nicht?

Und ja, warum soll ich nicht einfach von dem, was ich habe, etwas abgeben?

Was mein 18-jähriges Ich über mich heute sagen würde? Alles richtig gemacht. Ja, ich habe bestimmt auch Fehler gemacht – klar habe ich Fehler gemacht – aber jetzt ist alles gut.

Protokoll: Peter Stawowy

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