Nicolas, 55: „Das Leben macht keine Fehler“

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Wie ticken Männer im mittleren Alter? Wie blicken sie auf ihr bisheriges Leben und was würde ihr junges Ich über sie heute sagen? In unserer Köpfe-Rubrik protokollieren wir Momentaufnahmen.

Mein Sohn ist jetzt 15 Jahre alt. Und ich sage mal so: Es hat lange gedauert, bis ich sagen konnte, ich nehme ihn so an, wie er ist. Und er ist gut so, wie er ist.

Das war ein langer Weg für mich.

Laurent ist ein Special-Needs-Kid. Das ist die amerikanische Umschreibung, wenn man nicht behindert oder gehandicapt sagen will. Er hat das Coffin-Lowry-Syndrom, das ist ein ganz seltener Gen-Defekt, der pränatal nicht zu diagnostizieren war.

„Womit habe ich das verdient?“

Ich habe vor seiner Geburt den Klassiker gelebt. Man kennt das aus dem schönen alten Sparkassen-Werbefilm: mein Haus, mein Boot, meine Frau, mein Auto… Und dann eben die Erwartung, die du hast, wenn dein erstes Kind geboren wird: Du denkst, das läuft schon und alles wird gut.

Die Geburt hat mich dann total aus der Bahn geworfen. Ich kann mich dran erinnern, dass ich an dem Abend der Geburt meine Tante angerufen und gesagt habe: „Du, das Leben ist zu Ende.“

Du fühlst dich regelrecht betrogen und beschissen um das, was dir eigentlich zusteht. Darin liegt schon der erste Fehler. Denn: Was für Erwartungen haben wir oder was ist uns das Leben schuldig?

Mit aus der Bahn werfen meine ich, dass du aus den, ich sag mal: Glaubenssätzen, die du bis dahin über dich, über das Leben hattest, einfach komplett rauskippst. Wie bei einem großen Unglücksfall, ungefähr so, als ob einer bei dir vor der Tür steht und sagt, ihre Frau ist gerade vom Auto überfahren worden. Du rechnest nicht damit, du hast ganz andere Erwartungen.

Das sollte so sein

Du bist so in deiner Selbstgerechtigkeit unterwegs, dass du sagst, so was passiert mir nicht. Oder darf mir nicht passieren. Und dann fragst du dich: Womit habe ich das verdient?

Es gibt ja so Leute, die „schwere Schicksalsschläge“ hinter sich haben, die ihr Leben lang damit hadern. Die Rollos runterlassen, sich zu Hause einschließen, aus der Depression nicht mehr rauskommen.

Und dann gibt’s die, die irgendwann den Sinn darin sehen, in die Annahme kommen und sogar sagen: Das Leben macht keine Fehler. Das sollte so sein.

Ich bin heute an diesem Punkt.

Das ist nicht von heute auf morgen so gekommen, und das ist auch fern von Selbstbeschiss, so im Sinne von: Ich erzähl‘ mir das jetzt mal. Ich bin heute an dem Punkt, dass ich wirklich klarsehe, was das mit ihm auf sich hat und warum er bei mir im Leben ist und was er für ein riesiges Geschenk für mich ist.

Ich freue mich über jede Minute, die ich mit ihm habe, und er ist eins der bereicherndsten Elemente in meinem Leben, in den 55 Jahren, die es jetzt dauert.

Stadien der Annahme

Es ist sehr interessant zu sehen in der Retrospektive, welche Stadien in der Annahme, der Akzeptanz und dem Verarbeiten und auch in dem gemeinsam in die Zukunft gehen ich so durchlaufen habe.

Ich bin da glaube ich jetzt keine Ausnahme.

Ich habe damals diese ganze Karriere hingelegt: Das fing an mit völlig aus den Wolken fallen, Handlungsunfähigkeit, Aufgeben. Ich bin selbst in alle möglichen Krankheiten geflüchtet, der Urologe und Gastroenterologe waren meine besten Freunde. Da war ich pausenlos. Weil ich ja angeblich immer irgendwie Krebs oder sonst was hatte.

Da war natürlich nichts, sondern es war alles psychosomatisch.

Das nächste war dann eine Mischung aus Lähmung und Flucht. Ich war zu nichts mehr fähig, konnte nicht richtig arbeiten, konnte mich nicht konzentrieren. Ich war meiner Frau überhaupt keine Hilfe. Darüber ging letztlich die Partnerschaft in die Brüche.

Dann war ich aber immerhin in der Lage, wenn mein Sohn bei mir war, mich ein bisschen darauf einzulassen. Man sagt ja so schön, die Zeit heilt keine Wunden, aber zumindest verändert sich die Perspektive. Ich habe langsam gelernt, mich anzunähern, und ich habe gemerkt, ich werde immer mehr fein damit.

Ins Fühlen kommen

Und dann, der Klassiker: Du gehst zur Psychotherapie, zur Psychologin, lässt dich da mit schönen verstandsmäßigen, kopfgesteuerten Schlagworten oder Schlagsätzen einstellen.

Klappte bei mir alles nicht so.

Erst als ich den spirituellen Weg eingeschlagen habe, wirklich ins Fühlen gekommen bin, fing das an, dass ich es wirklich annehmen konnte.

Vorher habe ich noch eine tiefenpsychologische Psychoanalyse gemacht. Das war ein sehr erfahrener Professor. Er war überhaupt nicht spirituell veranlagt, aber er hat mir damals schon einen ganz hoch spirituellen Satz, eigentlich den Kernsatz, um die Ohren gehauen.

Er sagte: Sie sind der Regisseur ihres Lebens! Der Satz ist einfach geil!

Es stimmt, du bist der Regisseur deines Lebens, und dieses ganze mit dem Finger auf andere zeigen, das ganze Lamento, das ganze Jammern, das ganze Selbstmitleid und so weiter, das sind alles Dinge, die durften da sein in dieser Zeit. Die hatten auch ihre Berechtigung.

Aber die darfst du irgendwann auch mal gehen lassen.

Sinnlose Vergleiche

Ich habe mich damals viel beschäftigt mit der Frage: Wie geht es anderen damit? Es gibt ja diesen blöden Spruch: „Wir hatten Rio de Janeiro gebucht und es ist irgendwie Castrop-Rauxel geworden.“ Ja, sowas sagen Leute, die schwer behinderte Kinder bekommen haben!

Und dann diese vergleichenden Betrachtungen! Wo waren wir nicht überall, bei Einrichtungen, die sich wirklich ganz rührend um alle möglichen Fälle kümmern, auch mit diesen ganzen Besonderheiten. Da fängst du dann an, in die vergleichende Betrachtung zu gehen und zu sagen: Ach, da geht es uns aber noch gut.

Alles total sinnlos und überflüssig!

Auch diese Kinder haben ihren Sinn und sind auch genau zu den richtigen Eltern gekommen. Das ist heute meine Meinung dazu.

Ich hatte früher beispielsweise diesen negativen Glaubenssatz: Ich genüge nicht. Ich werde nicht geliebt. Die kann man umkehren. Die Umkehrung lautet: Ich werde geliebt – und mein Sohn ist der allererste, der mich liebt! Ich weiß, seine ist bedingungslose Liebe, bedingungslos im Sinne von ich muss nichts sein, nichts tun, ich muss nichts irgendwie werden, ich muss keine Leistung abliefern.

Sondern er nimmt mich so an, wie ich bin. Er liebt mich so, der kann auch gar nicht anders. Er ist ein Ausbund an Fröhlichkeit, an Klarheit und Ehrlichkeit, er kennt kein Falsch, er kennt kein Arg und er ist immer authentisch!

Blick nach Innen

Was ich jemanden raten würde, der ein behindertes Kind bekommt? Tatsächlich sich nicht uneingeschränkt in das Kümmern um das Kind zu stürzen, sondern sich ins eigene Innenleben zu begeben. Auch aus wirklich spiritueller Sicht.

Das Leben hat dir da was hingesetzt, das kannst du als Wake-up Call nehmen.

Ich würde sagen, deine Aufgabe ist herauszufinden, warum das in deinem Leben ist. Und festzustellen, dass es gut so ist, wie es ist. Den Sinn darin zu finden – und wenn Widerstand da ist, den Widerstand in Annahme zu verwandeln und es zu umarmen und zu lieben.

Protokoll: Peter Stawowy

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