Biographie-Autorin Juliane Primus: “Ein langweiliges Leben gibt es nicht”

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Was bleibt von mir, wenn ich mal nicht mehr bin? Die Journalistin Juliane Primus schreibt Biografien – von ganz normalen Menschen und gegen Bezahlung. Dafür hat sie vor fünf Jahren die Memoiren-Manufaktur gegründet. Im Interview spricht sie über die Menschen, die eine Biografie von ihrem Leben verfassen lassen.

Was ist der ausschlaggebende Moment, warum Menschen ein Buch bei dir bestellen?

Juliane Primus, Foto: privat

Juliane Primus: Die Menschen wenden sich meist in nachdenklichen Momenten an die Memoiren-Manufaktur, nämlich dann, wenn sie mit der Endlichkeit konfrontiert sind. Ein Sohn hat gerade den Vater verloren und möchte nun, dass immerhin die Erinnerungen der Mutter festgehalten werden. Oder eine Enkelin bemerkt, dass die Großmutter immer vergesslicher wird und will die Zeit ein bisschen anhalten. Und manchmal beauftragen uns Menschen auch selbst damit, ihr Leben aufzuschreiben – nicht aus einem übertriebenen Geltungsbedürfnis heraus, sondern weil sie den nachfolgenden Generationen etwas mitgeben möchten.

Wie genau funktioniert das, bis so ein Text fertig ist?

Die Arbeit an so einem Buch ist ein Prozess von etwa einem Jahr. Los geht es mit einem tabellarischen Lebenslauf und der Frage, welche Prioritäten im Buch gesetzt werden sollen: Geht es vor allem um das Privatleben oder mehr um die Arbeit? Nun folgen mindestens fünf Interviews à 90 Minuten, danach wird das Erzählte aufgeschrieben – so, dass man es gut lesen kann, dass es aber auch authentisch nach dem Erzähler klingt. Denn alle Bücher der Memoiren-Manufaktur werden aus der Ich-Perspektive geschrieben. Es folgen noch Fotoauswahl und Layout. Der letzte Arbeitsschritt ist die Freigabe durch den Auftraggeber, und dann natürlich der Druck.

Und wie viele Seiten hat so ein Buch?

Das ist sehr unterschiedlich, zwischen 50 Seiten und 500. Der Umfang richtet sich natürlich zum Einen nach der Zahl der Interviews, und damit auch nach der Zahlungsbereitschaft des Kunden, zum anderen sind aber auch Faktoren wie die Schriftgröße entscheidend. Viele ältere Menschen bevorzugen große Buchstaben, damit sie ihr eigenes Buch auch ohne Brille lesen können.

Was sind das überhaupt für Menschen, die ihr Leben in einem Buch erzählt haben wollen?

Es sind Menschen wie du und ich. Es geht ja auch überhaupt nicht darum, eine Heldensaga zu erzählen oder sich selbst toll darzustellen. Sondern die meisten Kunden der Memoiren-Manufaktur werden von ihren Kindern oder Enkeln gebeten, ihr Leben zu erzählen. Ganz einfach, damit die Geschichten nicht verloren gehen und Erfahrungen an die nächste und übernächste Generation weitergegeben werden.

Sind es eher Männer oder eher Frauen?

Das hält sich fast die Waage. Wobei, etwas häufiger sind es tatsächlich Frauen. Das liegt wahrscheinlich ganz einfach an deren höherer Lebenserwartung. Ganz salopp gesagt: Wenn Opa gestorben ist und mit ihm alle seine Erlebnisse für immer verschwunden sind – dann ist das für viele Nachkommen der Moment um zu merken: Vielleicht sollten wir Omas Erinnerungen konservieren, solange es noch geht.

Gibt es Unterschiede, was Männern und Frauen wichtig ist, wenn sie ihre Lebensgeschichte erzählen?

Nein, die gibt es nicht – da ist jede und jeder ganz individuell verschieden. Was mir bei den Biografien älterer Damen allerdings auffällt, sind die Unterschiede zwischen Ost und West. Im Westen waren die meisten ja Hausfrauen. Die fragen sich dann mit Blick auf ihre Enkelinnen manchmal, wie ihr eigenes Leben eigentlich verlaufen wäre, wenn sie selbst berufstätig gewesen wären und sich manchen Freiheitstraum erfüllt hätten.

Was ist die spannendste Geschichte bis jetzt, die du dokumentieren durftest?

Keine bestimmte. Für mich macht die Vielfalt der Erlebnisse den Reiz aus. Ich habe so viele Einblicke aus erster Hand direkt geschildert bekommen – den Alltag eines Wismut-Bergarbeiters unter Tage zum Beispiel, die Jugendjahre einer selbstbewussten Schneiderin in New York, oder Fluchterlebnisse aus Ostpreußen. “Spannend” sind weniger die spektakulären Erlebnisse, sondern vielmehr die Art und Weise, wie jemand erzählt. Wann er zögert, wann er weint und wann er lacht.

Hat das Schreiben über das Leben von Menschen deine Einstellung zum Leben verändert?

Ja, mir sind viele Dinge klarer geworden. Dass es in jedem Leben Höhen und Tiefen gibt zum Beispiel – und dass eben auch vermeintlich sehr glückliche und zufriedene Menschen meist sehr schwierige Zeiten durchlebt haben, in denen das gute Ende nicht immer absehbar gewesen ist. Und was mir auch sehr bewusst ist: Nicht jeder hat das Glück, 80 Jahre alt zu werden – ein langes, erfülltes Leben ist ein Geschenk.

Was ist die größte Erkenntnis, die du bislang aus dem Bücher schreiben gezogen hast?

Ein langweiliges Leben gibt es nicht. Jede und jeder hat etwas zu erzählen. Man muss nicht prominent oder reich sein oder einen aufregenden Job gehabt haben, um ein Buch mit lesenswerten Erinnerungen füllen zu können. Wem nicht alles leicht gefallen ist im Leben – und das trifft wahrscheinlich auf jede und jeden zu – der hat Erfahrungen gesammelt die es lohnt, aufgeschrieben und weitergegeben zu werden.

Vielen Dank für das Interview!

Hier geht es zur Webseite memoiren-manufaktur.de

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