Porträt Ludwig Großmann

Blick eines 18-Jährigen: „Ganz schön weit weg“

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Wir haben einen 18-jährigen Schüler gebeten, seine Sicht auf Männer im mittleren Alter aufzuschreiben.

Von Ludwig Großmann

Mitte 40 – Irgendwie ganz schön weit weg. Meine Lehrer sind so alt oder meine Eltern.

Als die in die Pubertät kamen, war alles westlich der Mauer auf den Landkarten noch ausgegraut, das Internet noch nicht erfunden und Musik musste man mit einem Kassetten- oder Plattenspieler hören.

Ganz anders geprägt

Diese Generation ist ganz anders aufgewachsen, ganz anders geprägt. Als 18-jähriger Schüler schaue ich oft zu ihnen auf. 

Heute sind die meisten wahrscheinlich älter als ihre Eltern es damals waren. Und die kamen ihnen damals sicher auch schon alt vor.

Noch dazu haben heute viele selbst Kinder, die ihnen vorleben und vorhalten, dass sie schon lange nicht mehr jung und frisch sind.

Zu allem Überfluss sehen – gerade bei Männern – die Augen weniger scharf als früher und die Ohren hören schlechter.

Drei Typen

Die Zeichen sind deutlich: Die unliebsame zweite Lebenshälfte beginnt.

Grob betrachtet (und zugegebenermaßen überspitzt dargestellt), beobachte ich drei verschiedene Typen von Männern, die jeweils ihren eigenen Weg gefunden haben, mit dieser Erkenntnis umzugehen:

„Die Auswahl im Kleiderschrank wird schneller grau-weiß als die Haare“

1. Die sich aufgegeben haben. Mit Mitte 40 fühlen sie sich schon wie Mitte 60 und sehen erstaunlich schnell auch so aus. Die Auswahl im Kleiderschrank wird schneller grau-weiß als die Haare. Auf dem Nachttisch liegt eine Lesebrille, die man auch braucht, um den Ratgeber „Vererben – aber richtig“ lesen zu können. Das letzte Ziel ist das Renteneintrittsalter. So stelle ich es mir zumindest vor. Man ergibt sich seinem Schicksal und passt sich langsam aber sicher an die eigene Elterngeneration an.

„Für sie hat die Jugend das Wort „cringe“ erfunden“

2. Die Junggebliebenen. Mit Mitte 40 fühlen sie sich immer noch oder wieder wie Mitte 20 und wollen auch unbedingt so wahrgenommen werden. Es beginnt mit weißen Turnschuhen und Skinny Jeans, es endet mit gegelten Haaren, Anglizismen und einem TikTok-Profil. Für sie hat die Jugend das Wort „cringe“ erfunden. Man fühlt sich krampfhaft jung, will sich seinem Schicksal nicht ergeben und passt sich deshalb an die Generation an, die so alt ist wie man selbst in seinen besten Jahren war.

„Als sei die 50 auch nur irgendeine Zahl“

3. Die im Jetzt leben. Mit Mitte 40 sind sie entweder so gestresst, dass sie gar keine Zeit haben ihr Alter überhaupt zu bemerken. Oder so lebensfroh, dass es ihnen egal ist. Sie leben einfach weiter, als sei die 50 auch nur irgendeine Zahl, oder sie tun zumindest so. Man muss sich nicht anpassen, irgendwie geschieht das doch sowieso von selbst, mit der Zeit.

Ein Merkmal verbindet allerdings alle drei: Der Drang zur Veränderung. Wie eine magische Schwelle scheint der mit Blick auf die 50 einzusetzen.

„Und dann beginnt die Rebellion“

Meine Vermutung: Mit Mitte 20 ist man noch jung und die Welt liegt einem zu Füßen, mit Mitte 30 baut man sein Eigenheim und lässt sich nieder. Und mit Mitte 40 merkt man, dass man sich zu früh niedergelassen hat. Oder an der falschen Stelle.

Und dann beginnt die Rebellion: Beziehungen zerbrechen und Jobs werden gekündigt, dafür beginnen neue Freundschaften, neue Beziehungen, neue Karrieren und neue Hobbys.

Mitte 40 – Irgendwie gar nicht so weit weg von mir. Diese Generation ist ganz anders aufgewachsen, ganz anders geprägt, viel erfahrener als meine, aber eigentlich haben sie doch die gleichen Probleme.

„Es ist nur eine Phase, das geht vorbei.“

Sie wollen Neues sehen und erleben, (nochmal) rebellieren, all das mit einer gewissen altersbedingten Hast. Wie die jungen Leute. 

Also, keine Sorge: Mitte 40 ist wie Pubertät. Es ist nur eine Phase, das geht vorbei.

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