Christoph Anders: „Ich habe nicht mal meinen Schreibtisch aufgeräumt“

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Für eine geplante Herz-OP ging Christoph Anders ins Krankenhaus. Doch es kam anders als geplant: Aus der kleinen Herz-OP wurde eine große, in der Folge lag er im Koma. Er musste lernen, dass sein altes Leben nicht mehr zurückkommt. Im 7VIERZIG-Podcast spricht er über Krankheit, Arbeit, Endlichkeit – und darüber, warum er heute das Grün der Blätter anders sieht.

„Ich bin nicht nur aus dem Berufsleben, sondern aus dem ganzen Leben regelrecht rausgeschleudert worden“, sagt Christoph gleich am Anfang des Gesprächs. Viele Jahre hat der 57-Jährige als Geschäftsführer gearbeitet, ordentlich etwas aufgebaut, mit viel Verantwortung und vielen Angestellten. „Man bescheinigt mir immer wieder, dass ich engagiert gewesen sei und mich reinknie und für meine Sache brenne“, sagt er.

Dann soll er für eine Herz-OP ins Krankenhaus. Tasche packen, ins Krankenhaus fahren und operieren lassen, nach zehn Tagen wieder zurück ins Büro – das war sein Plan. „Ich habe nicht mal meinen Schreibtisch aufgeräumt!“

Doch in der Klinik erfährt er: Der Eingriff wird größer. Drei Tage muss er auf die Operation warten. Drei Tage mit Angst.

Aufgewacht an der Maschine

Nach der OP fällt er ins Koma. Als er wieder aufwacht, fehlen ihm mehrere Tage. „Ich habe mich gefragt: Wo ist diese Zeit hin?“, erzählt er im 7VIERZIG-Podcast.

Und fragt sich: „War ich eigentlich tot oder habe ich gelebt?“

Die Operation überfordert seinen Körper. Die Nieren, seit seiner Geburt nicht intakt, versagen akut. „Mein Bild war so: Ich gehe mehr oder weniger gesund ins Krankenhaus und hänge dann, als ich wieder aufwache, an einer Maschine.“

Aus zehn geplanten Tagen werden fast drei Monate Krankenhaus. Ausgerechnet während der Corona-Zeit. Christoph liegt auf der Intensivstation, mit Schläuchen, Maschinen, Schmerzen, Unsicherheit. Besuch ist nicht erlaubt – nur sein Vater kämpft sich einmal durch, um den Sohn kurz zu sehen.

Arbeit war plötzlich egal

Vor der Operation war für Christoph der Job das zentrale Thema. Nach dem Aufwachen auf der Intensivstation ist das plötzlich weit weg. „Sich selbst über die Arbeit definieren war plötzlich völlig unwichtig, völlig egal“, erzählt er.

Klar, Arbeit könne Erfüllung bringen, sagt er. Das sieht er immer noch so. Aber Lebensglück erlebe er heute anders. Konkreter und gegenwärtiger. „Ich habe noch nie so intensiv Frühling erlebt.“ Das klingt, sagt er selbst, wie ein Kalenderblattspruch. Aber es stimmt.

Christoph ist bis heute krank. Alle zwei Tage muss er zur Dialyse. Vier Stunden lang wird sein Blut gewaschen. Danach hat er zwei Tage, dann muss er wieder an die Maschine.

Eine Nierentransplantation, für die die ursprüngliche Herz-OP eigentlich die Vorbereitung sein sollte, wird es in seinem Leben nicht mehr geben. Denn inzwischen wurde bei ihm auch eine Lungenfibrose diagnostiziert.

Es gibt kein zurück

Das ist einer der härtesten Momente im Gespräch: die Erkenntnis, dass es kein Zurück in ein annähernd normales Leben geben wird.

„Die allermeisten Menschen wissen nicht, warum sie morgens aufstehen. Die stehen einfach auf“, sagt er. So richtig weiß Christoph das für sich heute auch noch nicht – aber seit dem einschneidenden Erlebnis ist hat sich vieles in seinem Leben verändert.

Lange konnte er nicht hinsehen, wenn ihm die dicken Nadeln für die Dialyse in den Arm gestochen wurden. Dann beschließt er: So kann es nicht weitergehen. Wenn er bis an sein Lebensende dialysepflichtig bleibt, will er wenigstens so viel Kontrolle wie möglich. Eines Tages sagt er im Dialysezentrum: „Heute ist hier Selbstbedienung.“

Seitdem punktiert er sich selbst. Dreimal die Woche. Der nächste Schritt soll eine Dialysemaschine für zu Hause sein. Nicht mehr ständig ins Zentrum fahren. Nicht mehr dreimal pro Woche einen halben Tag dort liegen. Ein Stück Eigenverantwortung zurückholen.

Wenn nichts mehr ist wie vorher

Im 7VIERZIG-Podcast mit Christoph geht es nicht nur um Krankheit. Es geht um die Frage, was mit einem Menschen passiert, wenn das alte Leben plötzlich nicht mehr da ist.

Was bleibt, wenn man sich immer nur über Arbeit, Verantwortung und Leistung definiert hat und genau das wegbricht? Was macht es mit einem, wenn man dem Tod sehr nah war? Und warum ist es so schwer, anderen Menschen diese Erfahrung zu vermitteln?

Christoph erzählt von Begegnungen und wie sie auf seine Geschichte reagieren: Erst sind alle ganz betroffen. Doch trifft man sich zwei Wochen später wieder, ist alles wie vorher. Wer nicht an dieser Kante gestanden hat, meint er, dem sei die Endlichkeit des Lebens eben nur theoretisch bewusst.

Freunde sind Zeitzeugen

Alle wissen es und verdrängen es trotzdem: Irgendwann sterbe ich. Aber verdrängen auch erfolgreich, denken: Mich betrifft das im Moment nicht. Noch nicht. Nicht heute. Vermutlich ist das ein zutiefst menschlicher Schutzmechanismus.

Seit dem Einschnitt in seinem Leben sind Freunde für Christoph viel wichtiger geworden. „Freunde sind Zeitzeugen des eigenen Lebens. Menschen, die einen kennen und einem auch kritische Fragen stellen können“, meint er.

Und dann ist da noch die Sache mit der Rührung. Im Gespräch bricht Christoph mehrfach die Stimme. Er entschuldigt sich fast dafür, sagt aber auch: Das gehört jetzt zu seinem Leben. Eine Kollegin habe ihm gesagt: Wenn man gerührt ist, müsse man sich dafür nicht entschuldigen.

Christoph im Podcast

In dieser Folge des 7VIERZIG-Podcast für Männer im mittleren Alter geht es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Christoph teilt seine Erfahrung, komplett aus dem Leben geworfen zu werden – auch, um andere darauf hinzuweisen, dass Arbeit nicht alles ist.

Er lässt die Zuhörer mit der Frage zurück: Und, was ist dein Grund, morgen wieder aufzustehen?

Die Folge gibt es bei Spotify und überall, wo es Podcasts gibt!

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