„Männergruppe? Sowas brauche ich nicht.“ Das dürfte wohl immer noch die häufigste Reaktion sein, hören Männer von Männergruppen. Der Grund: Es könnte ja gefährlich werden. Gefährlich im Sinne von: Es hat was mit Gefühlen zu tun.
Dabei sind Männergruppen kein esoterischer Geheimbund, keine Therapie und auch keine Selbsthilfegruppe, jedenfalls nicht zwingend. „Männergruppen sind so bunt wie das Leben“, sagt Ingo Bernard, Vorsitzender des Männergruppen Netzwerk e.V., im 7VIERZIG-Podcast.
Der Verein vernetzt Männergruppenleiter im deutschsprachigen Raum. Aktuell hat das Netzwerk 96 Mitglieder, die Dunkelziffer solcher Gruppen aber dürfte noch viel größer sein. Ziel des Vereins ist es, Erfahrungen, Wissen und Unterstützung weiterzugeben – an bestehende Gruppen genauso wie an Männer, die eine neue Gruppe gründen wollen.
Worum geht es in Männergruppen?
Es gibt nicht die eine, typische Männergruppe, beschreibt Ingo Bernhard. Manche Gruppen sind klassische Gesprächskreise, andere arbeiten körperorientiert, naturverbunden, spirituell oder mit konkreten sozialen Projekten. Gemeinsam ist ihnen: Männer treffen sich regelmäßig in einem geschützten Rahmen. Männer könnten dort abseits von „Job, Auto, Fußball, Sport, Politik“ über wesentliche Dinge sprechen. Ohne Konkurrenz, ohne Statusspiel, ohne das übliche Vergleichen.
Ein zentraler Punkt ist für ihn die Erfahrung, nicht allein zu sein: „Der größte Aha-Effekt ist das Erkennen im Gegenüber.“ Viele Männer merkten in einer Gruppe: Ich bin nicht der einzige, der so denkt, fühlt, zweifelt oder mit bestimmten Fragen ringt.
Das klingt schlicht, ist aber für viele Männer ungewohnt. Denn wer gelernt hat, stark, belastbar und funktionierend zu sein, kommt oft gar nicht auf die Idee, über Unsicherheit, Beziehung, Sinn, Wut, Einsamkeit oder Lebensentwürfe zu sprechen.
Was erwartet Mann dort?

Wer eine Männergruppe besucht, muss weder besonders spirituell noch besonders krisenhaft unterwegs sein. Ingo Bernard spricht von „normalneurotischen Männern“. Gemeint sind Männer, die mitten im Leben stehen – und trotzdem merken, dass da noch Themen offen sind.
Männergruppen sind kein Ersatz für Therapie. Wenn jemand akut Hilfe braucht, ein Suchtproblem hat oder psychisch stark belastet ist, kann eine normale Männergruppe das nicht auffangen. Aber sie kann ein Ort sein, an dem Männer ehrlicher auf sich selbst schauen.
Wichtig ist dabei Vertraulichkeit. Bernard nennt es das „Las-Vegas-Prinzip“: Was in der Männergruppe gesagt wird, bleibt in der Männergruppe. Erst dadurch entsteht der Raum, in dem auch schwierigere Fragen möglich werden.
Zum Beispiel: Wofür stehe ich eigentlich jeden Morgen auf? Was will ich wirklich? Lebe ich meinen eigenen Lebensentwurf – oder erfülle ich vor allem Erwartungen anderer?
Sieger holen sich Hilfe
Männergruppen können helfen, aus dem Einzelkämpfermodus herauszukommen. Viele Männer haben Freunde, Kollegen, Familien, Netzwerke – und trotzdem kaum Orte, an denen sie offen sprechen. Das betrifft nicht nur persönliche Entwicklung. Es hat auch eine gesellschaftliche Dimension: Männer, die lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, Konflikte zu benennen und sich Hilfe zu holen, sind nicht nur für sich selbst besser unterwegs. Auch Partnerschaften, Familien und Freundschaften können davon profitieren.
Ingo Bernard berichtet etwa, dass Partnerinnen von Männern in Männergruppen oft positiv zurückmelden, dass sich etwas verändert habe. Nicht, weil Männer dort „repariert“ würden. Sondern weil sie lernen, sich anders auszudrücken, zuzuhören und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Was macht das Männergruppen Netzwerk?
Das Männergruppen Netzwerk e.V. unterstützt Männergruppenleiter und solche, die es werden wollen. Einmal im Monat gibt es einen Videocall für Mitglieder. Dort geht es um praktische Fragen aus der Gruppenarbeit: Wie starte ich eine Gruppe? Braucht es Geld? Welche Regeln sind sinnvoll? Was tun bei Unpünktlichkeit? Wie geht man mit Konflikten um? Wo sind Grenzen?
Außerdem bietet der Verein Mentoring an. Erfahrene Männergruppenleiter begleiten neue Gruppen oder Gründer auf Wunsch eine Zeit lang. Im geschützten Mitgliederbereich gibt es erprobte Übungen und Methoden für Gruppenabende.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Gruppen können sich auf der Webseite des Netzwerks listen lassen. Wer nach einer Männergruppe sucht, findet dort Angebote nach Postleitzahlen sortiert. Das hilft besonders neuen Gruppen, sichtbar zu werden.
Und wenn es vor Ort keine passende Gruppe gibt? Dann lautet Bernards pragmatische Antwort: selbst eine gründen. Man müsse dafür nicht studiert haben und auch kein Männerarbeits-Profi sein. Ein Raum, ein klarer Rahmen, Vertraulichkeit und ein paar Männer, die sich regelmäßig treffen wollen, können schon der Anfang sein.
Wer dafür noch Argumente sucht: Im Blog des Männergruppen Netzwerk e.V. findet sich ein spannender Beitrag mit dem Titel: „Warum du eine Männergruppe brauchst„.
Mehr im Podcast
Im 7VIERZIG-Podcast spricht Peter Stawowy mit Ingo Bernard ausführlich über Männergruppen, das Männergruppen Netzwerk e.V., die Frage nach moderner Männlichkeit und darüber, warum Männer manchmal erst durch Krisen merken, dass Austausch mit anderen Männern guttun kann. Außerdem geht es um praktische Tipps für Männer, die eine Gruppe suchen oder selbst eine gründen wollen – und um die Frage, warum „Brauche ich nicht“ vielleicht nicht immer die beste Antwort ist.
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