Warum Männer im mittleren Alter manchmal in Verschwörungsmythen abdriften

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Dr. Rüdiger Maas im 7VIERZIG-Podcast 

Verschwörungstheorien sind kein neues Phänomen – aber heute sind sie durch die veränderte Medienwelt deutlich sichtbarer als früher. Im 7VIERZIG-Podcast spricht Peter Stawowy mit dem Psychologen, Generationenforscher und Bestsellerautor Dr. Rüdiger Maas über die Frage, warum vor allem ältere Männer für alternative Erzählungen empfänglich sind.

Maas ordnet das Phänomen ein – mit Blick auf Bildung, Existenzangst, Psychologie und die innere Logik solcher Erzählungen.

Existenzangst als Verstärker

Maas widerspricht der Annahme, Verschwörungsglaube habe vor allem etwas mit mangelnder Intelligenz zu tun. Entscheidend sei vielmehr der Bildungsgrad. In Studien zeigte sich während der Corona-Pandemie eine auffällige Gruppe: Menschen ab 40, männlich und mit geringerem Bildungsniveau.

Besonders betroffen waren laut Maas dabei Menschen, deren berufliche Existenz durch den Lockdown plötzlich bedroht war – etwa Selbstständige in der Gastronomie oder den darstellenden Künsten. Wer für einen solchen Einschnitt keine Bewältigungsstrategie hatte, war offener für Erklärungen, die vermeintliche Sicherheit versprachen: „Denen wurde ja mehr oder weniger der Boden unter den Füßen weggezogen.“

Kognitive Dissonanz: Gefühle vor Realität

Auffällig: Während Verschwörungstheorien früher eher unter Jugendlichen kursierten – Stichworte Illuminaten oder 9/11 –, verschob sich das Muster während Corona auf die Gruppe 40 plus. Maas erklärt den psychologischen Mechanismus mit dem Begriff der kognitiven Dissonanz: Menschen biegen sich die Realität mitunter so zurecht, dass sie zu ihren Emotionen passt.

Er illustriert das mit einem Alltagsbeispiel: zu teuer gekaufte, unbequeme Schuhe, die man sich im Nachhinein schönredet, um die eigene Entscheidung nicht infrage stellen zu müssen.

Der Dunning-Kruger-Effekt

Hinzu kommt: Die heutige Informationsdichte – verstärkt durch KI und Fake News – überfordert laut Maas viele Menschen.

Manchmal tritt dann der Dunning-Kruger-Effekt ein: Menschen mit geringerer fachlicher Tiefe überschätzen nach kurzer Recherche, etwa nach einem halbstündigen YouTube-Video, ihre Kompetenz gegenüber Fachleuten, die jahrelang studiert haben. Zugespitzt funktioniert das so: Wer wenig weiß, hält sich oft für überaus kompetent – und merkt dabei nicht, wie groß die eigene Unkenntnis tatsächlich ist. Besser ist, dass eigene Wissen ständig zu hinterfragen und immer wieder zu überprüfen.

Laut den Studien von Maas‘ Institut zeigten sich gerade Akademiker und Ingenieure offener für Verschwörungstheorien als etwa Sozialwissenschaftler oder Philosophen. Als Ursache vermutet er einen eher technischen, auf Absolutheit ausgerichteten Blick auf die Welt. Hinzu kommen aus seiner Sicht physiologische Faktoren: „Männer haben eine höhere Ausschüttung an bestimmten Hormonen, die das einfach auch begünstigen.“

Logikbrüche als Erkennungsmerkmal

Ein zentrales Kriterium, an dem Maas Verschwörungserzählungen von legitimer Kritik unterscheidet, ist die innere Widerspruchsfreiheit. Sein Beispiel: Wenn eine Regierung gleichzeitig als „zu dumm, um Fehler zu erkennen“ und als „genial genug, eine weltweite Verschwörung zu koordinieren“ beschrieben wird, widerspricht sich das: „Entweder sind sie so genial oder sie sind so blöd.“

Wichtig ist Maas dabei die Abgrenzung: Kritik an konkreten Maßnahmen (etwa an Masken- oder Impfregeln) hält er für legitim und sogar notwendig. Erst der Glaube an unbelegte Behauptungen wie flache Erde oder Reptiloide falle in die Kategorie Verschwörungstheorie.

Corona als Verstärker

Nach Maas‘ Datenlage hat die Pandemie bestehendes Misstrauen meist verstärkt, statt es neu zu erzeugen. Menschen, die schon vor Corona staatskritisch oder ängstlich eingestellt waren, radikalisierten sich stärker. Als möglichen früheren Ausgangspunkt nennt er die Fluchtbewegung 2015: „Das hat sehr wahrscheinlich auch mit 2015 zu tun und das wurde dann eben fünf, sechs Jahre später durch Corona noch mal verstärkt.“

Maas beobachtet, dass insbesondere Menschen ab Mitte 30 in sozialen Netzwerken zunehmend extremer auftreten – begünstigt durch Anonymität und die Algorithmen, die zugespitzte Aussagen gern verstärken. Er verweist zudem darauf, dass ein kleiner Teil der lautesten Stimmen über mehrere Accounts gleichzeitig agiert und so mehr Zustimmung suggeriert, als tatsächlich vorhanden ist.

In persönlichen Gesprächen zeige sich dagegen oft ein deutlich größerer gesellschaftlicher Grundkonsens, etwa bei der Zustimmung zu Demokratie und Grundgesetz.

Es gibt auch gute Seiten des Phänomens: Verschwörungsglauben biete mitunter auch einen „neuen Blick“ auf bestehende Machtstrukturen – Edward Snowden sei dafür ein Beispiel, dessen zunächst verschwörungstheoretisch anmutende Enthüllungen sich später als wahr bestätigten. Problematisch werde es allerdings, wenn Logik durch Emotion ersetzt werde und Widersprüche nicht mehr reflektiert würden.

Männer mittleren Alters im Rollenkonflikt

Im zweiten Teil des Podcasts geht es dann noch mehr um das manchmal seltsame Verhalten von Männern im mittleren Alter. Ein wiederkehrendes Muster laut Maas: Männer zwischen Mitte 30 und Mitte 40 wollen gleichzeitig erwachsen und Vorbild sein, aber auch jung wirken und mithalten – etwa in sozialen Medien wie TikTok. Diese Widersprüchlichkeit im eigenen Verhalten werde selten reflektiert, so Maas‘ Kritik am Umgang mit jüngeren Generationen.

Trotz der beschriebenen Dynamiken blickt Maas selbst zuversichtlich in die Zukunft. Gesellschaftliche Entwicklung verlaufe seiner Einschätzung nach in Wellenbewegungen, aber insgesamt progressiv.

Mehr im Podcast

Wie können wir in einer Welt, in der die Grenzen zwischen Wahrheit und Fake verschwimmen, die Vernunft bewahren? Und wie gehen wir damit um, wenn Freunde oder Familie abdriften? Das gesamte Gespräch zwischen Peter Stawowy und Dr. Rüdiger Maas hört ihr in der aktuellen Episode des 7VIERZIG-Podcast – bei Spotify und überall, wo es Podcast gibt!

Oder hier direkt hören:

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